Mit der Ankündigung, als strategischer Partner beim Tuning-Treffen Ultrace aufzutreten, sorgt Mercedes-Benz bei vielen Kunden für fragende Blicke. Das Event Ultrace, das im April in Düsseldorf stattfindet, gilt als bekanntes Treffen der Tuning-Szene – ist innerhalb eben dieser Szene aber auch unter Stilllegungsparty bekannt.
Der Begriff kommt nicht von ungefähr. Ultrace ist seit Jahren ein Treffen für extrem modifizierte Fahrzeuge, von denen ein Großteil keine Straßenzulassung besitzt. Entsprechend hoch ist regelmäßig die Präsenz von Polizei und Ordnungsbehörden, die an- und abreisende Fahrzeuge kontrollieren und laut Medien gerne stilllegen. Dass sich ein Premiumhersteller wie Mercedes-Benz ausgerechnet hier strategisch positioniert, wirft Fragen auf – nicht nur mit Blick auf Recht, Sicherheit und Verantwortung, sondern auch auf die eigene Markenstrategie.
Ultrace wird zum bekannten Tuning-Treffen
Trotz dieses kontroversen Images hat sich Ultrace in den letzten Jahren etabliert. Das Event ging ursprünglich aus dem Treffen „Raceism" hervor, das erstmals in Polen stattfand und sich rasch als Schaulaufen besonders extremer Umbauten etablierte. In den vergangenen Jahren wurde das Format mehrfach weiterentwickelt, internationalisiert und schließlich unter dem neuen Namen Ultrace positioniert.
Das Event fand in der Vergangenheit schon häufig statt, wechselte Locations und wuchs kontinuierlich. Der Umzug nach Deutschland, konkret nach Düsseldorf, markiert nun einen weiteren Schritt Richtung Mainstream und wirtschaftlicher Relevanz. Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Preis wider: Tagestickets starten bei rund 80 Euro.
Stilllegungsparty in Düsseldorf?
So ästhetisch und technisch beeindruckend viele der Fahrzeuge auch sein mögen – sie stehen oft bewusst außerhalb der gesetzlichen Vorgaben. Tieferlegungen, Rad-Reifen-Kombinationen, Abgasanlagen oder Karosserieumbauten entsprechen vielfach nicht dem, was im öffentlichen Straßenverkehr erlaubt ist.
Dass ein erheblicher Teil dieser Fahrzeuge dennoch über öffentliche Straßen an- und abreist, ist seit Jahren Gegenstand von Kritik. Polizei und Behörden sehen Ultrace entsprechend als Kontrollschwerpunkt, was dem Event in der Szene den Ruf einer „Stilllegungsparty" eingebracht hat.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Partnerschaft eines weltweit agierenden Automobilkonzerns zumindest ambivalent. Mercedes-Benz steht traditionell für Ingenieurskunst, Sicherheit und Regelkonformität – Werte, die mit der Realität vieler Ultrace-Fahrzeuge nur schwer in Einklang zu bringen sind.
Wie kontrovers die Veranstaltung gesehen wird, wird auch im Netz deutlich:
Marcus Erling: "Ich fahr schön mit der Bahn bis dahin und schau mir das Spiel an wie die Düsseldorfer Tuning Polizei Besucher-Autos stillgelegt. Das wird ein Spektakel mehr als genug und kostenlos."
Carsten Nakielski: "Als erstes dachte ich cool mal eine AutoVeranstaltung, Die nicht weit weg ist. Könnte ich ja mit meinen zwei Kindern hingehen. Dann habe ich den Preis gesehen. Okay wir kommen nicht. Viel Erfolg."
Was wird Mercedes dort eigentlich präsentieren?
Hinzu kommt eine inhaltliche Unschärfe: Was genau will Mercedes-Benz auf einem Tuning-Treffen präsentieren?
Da Ultrace thematisch klar auf getunte Fahrzeuge fokussiert ist, bleiben realistisch betrachtet nur zwei Optionen: Motorsport-Exponate, die natürlich ohnehin nicht straßenzugelassen sind, oder Fahrzeuge der hauseigenen Tuningmarke AMG. Beides wirft Fragen auf. Motorsportfahrzeuge haben nur eine begrenzte inhaltliche Schnittmenge mit der Tuning-Szene, während AMG historisch zwar aus dem Motorsport & Tuning stammt, vom Konzern jedoch seit Jahren bewusst als eigenständige Performance-Luxusmarke positioniert wird. Mercedes nun strategisch auf einem Tuning-Event zu positionieren, dürfte in Affalterbach für Stirnrunzeln sorgen. Was Mercedes effektiv zeigen wird, ist aber zum aktuellen Zeitpunkt noch unklar.
AMG und das ungelöste Imageproblem
Besonders kritisch ist die Partnerschaft mit dem Tuning-Treffen vor dem Hintergrund einer langjährigen strategischen Linie: Mercedes-Benz hatte in den vergangenen Jahren mehrfach betont, AMG aus dem klassischen Tuning-Image herauslösen zu wollen.
AMG sollte eigentlich als technologisch eigenständige Hochleistungsmarke – mit klarer Abgrenzung zu Aftermarket-Umbauten, Szene-Optik und nicht regulierten Modifikationen.
Der Auftritt bei so einem Tuning-Treffen wirkt vor diesem Hintergrund wie ein strategischer Widerspruch. Die Nähe zu einer Szene, in der Regelüberschreitungen nicht Ausnahme, sondern Teil der Identität sind, konterkariert das Bemühen um Seriosität, Exklusivität und technische Legitimität.
Premium, Luxus, Elektro, Wokeness, Tuning - Wohin soll es eigentlich gehen?
Liebe Mercedes-Fans, versteht uns nicht falsch. Das Tuning-Treffen Ultrace bietet Reichweite, Aufmerksamkeit und Zugang zu einer jungen Zielgruppe. Dass Mercedes-Benz diesen Kanal nutzen möchte, ist aus Marketingsicht nachvollziehbar.
Doch der Preis für diese Sichtbarkeit könnte hoch sein. Die Nähe zu einem Tuning-Treffen, das mit Stilllegungen, Grauzonen und bewusst nicht zulassungsfähigen Fahrzeugen assoziiert wird, steht im Spannungsfeld zu den eigenen Markenwerten. Während man sich in den letzten Jahren vergeblich um eine Electric only-, dann um eine Premium- und Luxus-Strategie bemüht hat, ist die strategische Partnerschaft mit einem Tuning-Treffen nun der nächste Versuch, Mercedes wieder begehrlich zu machen. Wir drücken die Daumen.
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